Wenn dein Selbstwert ständig mit anderen kollidiert: Das Soll-Ich, das Bin-Ich und Neurodivergenz
Viele Menschen mit ADHS oder Autismus haben nicht nur mit den eigentlichen Herausforderungen ihrer Neurodivergenz zu kämpfen. Oft entsteht zusätzlich ein zweites Problem: das Gefühl, ständig hinter einer unsichtbaren Norm zurückzubleiben.
Sie erleben sich nicht nur als überfordert, erschöpft oder anders. Sie erleben sich oft auch als „nicht genug“.
Warum das so ist, lässt sich mit einem psychologischen Modell gut erklären: dem Zusammenspiel von Bin-Ich, Wunsch-Ich und Soll-Ich.
Drei Bilder von uns selbst
Jeder Mensch trägt verschiedene Vorstellungen von sich in sich.
Das Bin-Ich
Das Bin-Ich beschreibt die Person, die wir aktuell erleben.
Wie funktioniere ich?
Was fällt mir leicht?
Was fällt mir schwer?
Wie reagiere ich unter Belastung?
Das Bin-Ich ist die erlebte Realität.
Das Wunsch-Ich
Das Wunsch-Ich beschreibt die Person, die wir gerne wären.
ruhiger
strukturierter
selbstsicherer
belastbarer
Es enthält Hoffnungen und Entwicklungsziele.
Das Soll-Ich
Das Soll-Ich besteht aus Erwartungen.
Wie sollte ich sein?
Was erwarten andere?
Was gilt als normal?
Was gilt als erfolgreich?
Das Soll-Ich entsteht oft durch Familie, Schule, Arbeit und gesellschaftliche Normen.
Wenn die Lücke zu groß wird
Je größer die Unterschiede zwischen diesen Selbstbildern werden, desto stärker gerät der Selbstwert unter Druck.
Besonders belastend ist oft die Diskrepanz zwischen:
dem Bin-Ich
und dem Soll-Ich
Denn hier geht es nicht um Wünsche, sondern um die Frage:
„Warum schaffe ich nicht, was ich eigentlich schaffen sollte?“
Genau an diesem Punkt zeigen sich bei ADHS und Autismus unterschiedliche Muster.
ADHS: Wenn das Soll-Ich ständige Leistungsfähigkeit fordert
Viele Menschen mit ADHS wachsen mit einer bestimmten Botschaft auf:
„Du könntest mehr, wenn du dich nur genug anstrengst.“
Das Problem dabei:
ADHS betrifft nicht primär Wissen oder Motivation.
Es betrifft die Steuerung von Aufmerksamkeit, Energie und Handlungsorganisation.
Trotzdem werden Schwierigkeiten oft moralisch interpretiert.
Das typische ADHS-Soll-Ich
Viele Menschen mit ADHS entwickeln Erwartungen wie:
Ich sollte organisiert sein.
Ich sollte zuverlässig sein.
Ich sollte Dinge sofort erledigen.
Ich sollte mein Potenzial ausschöpfen.
Ich sollte mich besser kontrollieren können.
Das tatsächliche Bin-Ich
Die Realität sieht häufig anders aus:
Aufgaben werden vergessen.
Motivation schwankt.
Struktur bricht weg.
Umsetzung gelingt manchmal und manchmal nicht.
Dadurch entsteht ein schmerzhafter Widerspruch:
„Ich weiß eigentlich, wie es geht – warum mache ich es nicht?“
Der Selbstwert leidet dann nicht nur an den Schwierigkeiten selbst, sondern an der ständigen Bewertung dieser Schwierigkeiten.
Das ADHS-Problem ist oft nicht das Bin-Ich
Viele Menschen versuchen, die Lücke durch mehr Druck zu schließen.
Sie werden strenger mit sich.
Sie erhöhen ihre Erwartungen.
Sie versuchen noch mehr Kontrolle aufzubauen.
Doch häufig wird dadurch nur das Soll-Ich größer.
Das Bin-Ich bleibt gleich – und die Distanz wächst.
Autismus: Wenn das Soll-Ich soziale Selbstverständlichkeit erwartet
Bei Autismus entsteht die Selbstwertproblematik oft an einer anderen Stelle.
Hier geht es häufig weniger um Produktivität und mehr um soziale und sensorische Erwartungen.
Viele autistische Menschen erleben früh, dass ihr Erleben von dem anderer Menschen abweicht.
Das typische Autismus-Soll-Ich
Oft entstehen innere Erwartungen wie:
Ich sollte spontan wissen, wie man sich verhält.
Ich sollte soziale Situationen intuitiv verstehen.
Ich sollte flexibler sein.
Ich sollte nicht so empfindlich sein.
Ich sollte weniger Rückzug brauchen.
Das tatsächliche Bin-Ich
Die Realität kann anders aussehen:
soziale Situationen kosten Energie
Reize werden intensiver verarbeitet
Veränderungen erzeugen Stress
Rückzug wird zur Regeneration benötigt
Dadurch entsteht häufig das Gefühl:
„Alle anderen scheinen die Regeln zu kennen – nur ich nicht.“
Das Autismus-Problem ist oft nicht das Bin-Ich
Viele autistische Menschen versuchen die Lücke durch Anpassung zu schließen.
Sie beobachten andere.
Sie analysieren soziale Situationen.
Sie maskieren.
Sie versuchen möglichst wenig aufzufallen.
Von außen wirkt das oft erfolgreich.
Innerlich entsteht jedoch häufig eine andere Frage:
„Wenn ich mich ständig anpassen muss – wo bin eigentlich ich?“
Der Selbstwert leidet dann weniger an fehlender Leistung und mehr an fehlender Zugehörigkeit oder fehlendem Selbstkontakt.
Zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Selbstwertproblem
ADHS und Autismus führen oft über unterschiedliche Mechanismen zu ähnlichen Gefühlen.
Bei ADHS:
Die zentrale Frage lautet häufig:
„Warum kann ich nicht konstant umsetzen, was ich eigentlich möchte?“
Bei Autismus:
Die zentrale Frage lautet häufig:
„Warum scheint das, was für andere selbstverständlich ist, für mich so anstrengend zu sein?“
Beide Fragen können dazu führen, dass Menschen ihr Bin-Ich als unzureichend erleben.
Ein realistischerer Weg
Selbstwert entsteht nicht dadurch, dass das Bin-Ich perfekt an das Soll-Ich angepasst wird.
Oft beginnt Veränderung vielmehr damit, das Soll-Ich kritisch zu hinterfragen.
Wer sagt, dass ich immer konstant funktionieren muss?
Wer sagt, dass soziale Situationen leicht sein müssen?
Wer sagt, dass mein Energiebedarf falsch ist?
Wer sagt, dass nur eine Art des Funktionierens normal ist?
Manche Erwartungen sind sinnvoll.
Andere wurden übernommen, ohne jemals überprüft zu werden.
Fazit
Viele Selbstwertprobleme bei ADHS und Autismus entstehen nicht nur durch die Neurodivergenz selbst, sondern durch den ständigen Vergleich zwischen dem tatsächlichen Bin-Ich und einem oft unrealistischen Soll-Ich.
Bei ADHS betrifft diese Lücke häufig Leistung, Organisation und Zuverlässigkeit.
Bei Autismus betrifft sie häufig soziale Intuition, Anpassung und Belastbarkeit.
Der Weg zu einem stabileren Selbstwert besteht deshalb oft nicht darin, das Bin-Ich permanent zu korrigieren, sondern das Soll-Ich zu hinterfragen.
Denn manchmal ist nicht die Person das Problem.
Manchmal ist es der Maßstab, an dem sie sich seit Jahren misst.